Die elsässische Tragödie, ein Volksroman
This ebook may not meet accessibility standards and may not be fully compatible with assistive technologies.
Es war vor der Schlacht bei Waterloo, vor dem Sturze Napoleons.
Durch die Felsenwildnis in der Nähe der Schlucht schritt ein Mann gegen Abend der Melkerei Gaschney zu. Er kam aus der Richtung des Frankentals auf einem selten betretenen, verschütteten und verwachsenen Gebirgspfad.
Damals stand in den Hochvogesen noch wilder Urwald, und auch heute noch sind sie mit schwer zugänglichen Tannenwäldern bedeckt.
Der kahle, von Winterstürmen oft wochenlang umbrauste Hohneck1 läßt seine flüchtigen Quellbäche in jähen Sprüngen in die Kesseltäler des Hinteren Münstertales hinabsetzen, wo drunten rings auf der Berglehne weite, graue Schutthalden die Wiese umdüstern, in deren saftigem Grün vereinzelt mächtige abgestürzte Granitblöcke liegen.
Der Sturm, der droben die Wolken an den nackten, zerklüfteten Felsenzacken vorüberjagt – der durch die tiefergelegenen Waldbestände dahintost, um sich unten in dem steinernen Zirkus, eine lärmende Meute, zu verlieren – er, der die jungen Tannen sät, fällt auch die Riesen, die dort ihre flechtenbchangenen Arme schwingen und mit zerzauster Stirne ihm trotzen, jahrhundertelang.
Sie stürzen zu Boden und bleiben liegen, wo er sie hinwirft, und bilden silbergraue Brücken von Fels zu Fels, über den tief in den Berg gegrabenen, schmalen Runz, in dem der Gießbach unter Bärenklau und Fingerhut, Farnkraut und Engelwurz in die einsamen Waldgründe hinabrauscht…
Forstschutzwege und Touristenpfade gab es noch nicht, nur wenige Schlittwege, über deren Schwellen das Holz, soweit es geholt werden konnte, von armen Waldarbeitern in schweren Holzschuhen, zähen, wettergebräunten Gesellen, auf niedrigen Schlitten hinabgeschleift wurde; und der Mann, der sich auf einem selten begangenen Melkersteg durch die ihm unbekannte Wildnis hindurcharbeitete, mußte sich oft über Steinblöcke und umgeworfene Bäume schwingen.
An manchen Stellen, wo ihn der Wind zusammengewebt hatte, lag noch in Massen der Schnee, und seine langsam schmelzenden, schmutzigweißen Dünen konnten mit dem Wanderer in den gähnenden Abgrund gehen, während er über sie hinwegschritt. Aber er geriet immer tiefer in den Wald hinab, und die Schneefelder wurden immer spärlicher.
Einmal blieb er, außer Atem gekommen, neben dem überstiegenen Felsblock stehen, um hinunterzustarren, wo in dem grünen Dunkel ein paar silberne Buchen schimmerten.
Die Luft war still.
Ein würziger Odem schlug ihm aus tausend und abertausend Waldkehlen entgegen...
Details
- Publication Date
- Jan 7, 2024
- Language
- German
- Category
- Fiction
- Copyright
- No Known Copyright (Public Domain)
- Contributors
- By (author): Hans Karl Abel
Specifications
- Format
- EPUB