Nietzsche als Verführer
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Kein Denker hat auf unser Zeitalter eine realere Wirkung ausgeübt als Friedrich Nietzsche. Man kann das loben oder beklagen, – es ist so. Man kann nachweisen, daß der weitaus größte Teil seiner Wirkungen auf einem Mißverständnis seines eigentlichen Wollens beruht, das ändert nichts an der Tatsache der großen bewegenden Wirkung auf Geister, deren philosophische Erfahrung in den meisten Fällen nur gering ist. Nietzsche überwinden, heißt einen Tiefland der Welt überwinden, der in unserm Zeitalter als eine riesenhafte Zerstörung überall hereingebrochen ist. Seine Schlagworte sind weniger gefährlich als seine immoralistische Gesinnung, die sich hinter einer Fassade der Sehnsucht nach Großem versteckt. Wer ohne Richtlinien des Wahren, Guten, Gerechten und Schönen die Menschheit in die Zukunft zu führen sich anmaßt, der ist ein Verführer. Und er, der den Ethiker Schiller als einen „Moraltrompeter von Säckingen“ lächerlich zu machen suchte, der im Ethiker Kant nichts sah als den ,,Chinesen von Königsberg“, der in Brahms die verkörperte Impotenz erblickte, der Wagners „Tristan und Isolde“ nur mit der Feuerzange anfassen wollte, weil er darin eine widernatürliche Hysterie statt der weltüberlegenen Schopenhauer-Philosophie erblickte, – er war genau genommen der Rattenfänger von Hameln dieses ins tiefste Unglück verführten Zeitalters in Europa um das Jahr 1940. Diesen Ehrentitel möge er vor der Geschichte tragen.
Sein Lebensweg ist eine Philologentragödie, deren drei Akte heißen die Sehnsucht nach einem erahnten Großen, die Enttäuschung und verlebte Eitelkeit, und die wütende, krankhaft überspannte Zersetzung der Sehnsuchtskräfte zu einer Auflösung aller Halte des Lebens in einer bombastischen Übersteigerung des Macht- und Herrschaftsbewußtseins. Theognis,5 Empedokles6 und Plato7 hatten der Sehnsucht des Jünglings vorgeleuchtet, wie Hölderlin8 es getan hatte, und es blieb im späten Nietzsche davon nichts anderes übrig als der Darwinismus9 des Willens zur Macht, also der Kampf aller gegen alle mit allen Mitteln, und aus der Platonischen Republik die Idee einer Zucht und Züchtung, ja auch Züchtigung und Notzüchtigung zum Zweck einer für aristokratisch gehaltenen Masse oder Meute von vorschriftsmäßig an Knochen und Muskeln gearteten „Übermenschen“...
Details
- Publication Date
- Mar 22, 2024
- Language
- German
- Category
- Social Science
- Copyright
- No Known Copyright (Public Domain)
- Contributors
- By (author): Ernst Barthel
Specifications
- Format
- EPUB